Vlog, Videoblog: Präsident des Bundesverwaltungsgericht °Eckart Hien°

11. December 2006

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Interview mit Eckart Hien: Quicktime-Video

Deutschland – ein Regelwerk?
Das deutsche Volk gilt in der Meinung vieler anderer Völker als ordentlich, strukturverliebt und regelbesessen – ein Klischee? Eines der berühmtesten Normungsinstitute der Welt sitzt in Deutschland: DIN Deutsches Institut für Normung e.V. Wir, die Deutschen, sind offensichtlich in der Lage, jeden Vorgang zu abstrahieren und in eine Norm, Regel oder Gesetz umzuwandeln. Dies hat zur Folge, dass wir nach 60 Jahren friedlichem Aufbau und Wohlstandsstreben ein Sammelsurium an Regeln, Gesetzen und Normen angehäuft haben. Diejenigen, die ihre Einkünfte aus diesen Normungs-, Gesetzes- und Regelwerken beziehen, sind bester Stimmung und gehen täglich von Neuem ans Werk, um dieses Land Tag für Tag mit ihren Erzeugnissen zu bereichern.
Die Regelwerke sind derart komplex geworden, dass immer mehr Experten benötigt werden, die diese Regelwerke auf den jeweiligen einzelnen Sachverhalt herunterzubrechen imstande sind. Der normale Bürger wird in diesen Abläufen fast nicht mehr berücksichtigt. Außerdem ist es ihm gebietsweise unmöglich geworden, die Regeln zu verstehen. Die Kommunikation zwischen diesen Teilsystemen unserer Gesellschaft scheint nur noch über Mittler stattzufinden: Steuerberater, Anwälte etc. Selbst die sogenannten Fachleute, wie zum Beispiel Finanzbeamte, sind kaum noch in der Lage, ihr eigenes System, das der Steuergesetzgebung, zu durchdringen und die Regeln richtig anzuwenden. Einige mittelständische Unternehmer sprechen gar von partieller Anarchie.
Angesichts des weiter anschwellenden Apparates steht so Manchem der Sinn nach einer radikalen und konsequenten Verschlankung. Dies ist ein durchaus nachvollziehbarer Gedanke, aber schwer umzusetzen. Es gibt natürlich Ideen und Vorschläge von Politikern und Wissenschaftlern wie zum Beispiel Roman Herzog, Paul Kirchhof oder Geert Mackenroth. Allerdings bedarf es in einem demokratischen System immer mehrheitsfähiger Entscheidungen und solche sind, besonders wenn es sich um so folgenreiche Modelle wie die Steuerreform eines Kirchhof handelt, realistisch betrachtet, nicht durchzuführen. Das System ist teils starr geworden, nicht reformierbar. Deutschland – ein Regelwerk, also doch kein Klischee?

Unsere Teilsysteme nehmen demnach nicht mehr die ihnen angemessene Stellung zum Großen Ganzen ein. Die Systemstrukturen sollten sinnvolles Handeln ermöglichen. Diese Aufgabe erfüllen sie nur noch bedingt oder gar nicht. Wann also ändert sich ein System? Wie weit ist es bis dahin? Und wer werden sie sein, die Reformatoren?

Deutschland – die Geschichte eines Regelapparates; eine Geschichte mit offenem Ausgang.

Wir sprachen mit dem amtierenden Präsident des Bundesverwaltungsgerichts, Eckart Hien, über dieses und andere Themen. Im Interview erklärt Hien, warum er auf das Wort Reform allergisch reagiert und wieso “der Laden doch eigentlich ganz gut läuft”.

Film ab!

Eure Daniela Krien

Nachtrag:

Andererseits:
Erst die akribische Normung aller industriellen Herstellungsprozesse hat den Erfolg in Zeiten der Globalisierung ermöglicht. Denn die DIN-Normen werden z.B. seit den 1970er Jahren in die chinesische Sprache übersetzt. Somit passen die angefertigten Teile aus Deutschland auch mit den Fertigungsteilen in China zusammen. Dies ist der Boden, auf dem unser großer Wohlstand gedeihen konnte.

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