Vlog, Videoblog: James Nachtwey : Kriegsfotograf
6. February 2007

Interview: James Nachtwey (Quicktime-Video)
James Nachtwey: War Photographer
Man sagt, als Kriegsfotograf werde man entweder zynisch oder heilig. Wenn es tatsächlich nur diese zwei Formen der Existenz als Kriegsfotograf geben sollte, so gehört James Nachtwey zu den Heiligen. Nachtwey, ein großer, eleganter Mann, wirkt inmitten der Schrecken, die er fotografiert, als wäre er von einer Aura der Unberührbarkeit umgeben. Er war überall, wo in den letzten Jahrzehnten Krieg herrschte und Gräueltaten verübt wurden: Somalia, Sudan, Bosnien, Ruanda, Tschetschenien, Kosovo, Indonesien, Afghanistan, Libanon, Israel, Irak und noch in vielen weiteren Ländern. Und natürlich ist er keineswegs unberührbar. Mehrfach wurde er schwer verletzt, vielfach streckten ihn Krankheiten nieder. Was ihn dennoch antreibt, immer weiter zu machen, ist der feste Glaube, etwas bewirken zu können mit seinen Bildern. Nachtwey ist überzeugt von der Wirkung der Bilder und hat nie aufgehört zu hoffen, Krieg, Hunger, Armut auf diese Weise bekämpfen zu können.
James Nachtwey. Tschetschenien. 1996 – Ruinen im Zentrum von Grozny.
Was Nachtwey gesehen hat, das lässt sich kaum beschreiben. Es ist das Grauen schlechthin.
Und seine Bilder zeigen nur einen Teil dieses Grauens, denn auch ein Bild vermag nicht den Lärm von Maschinengewehren und den Gestank verwesender Leichen wiederzugeben. Dennoch sind diese Bilder derart stark und überwältigend, dass sie sich im Kopf eines jeden Betrachters einbrennen. Und das ist, was Nachtwey will. Niemand soll vergessen, was in den Ländern dieser Welt tagtäglich Schreckliches geschieht und jeder soll gemäß seinen Möglichkeiten alles dagegen tun: Ein hehres Ideal und ein gewaltiger Antrieb.
In dem STERN-Buch Bilder vom Krieg schreibt der Autor Rainer Fabian: „Verlorene Kinder unserer Epoche sind sie alle, die Kriege fotografieren und nur noch Kriege. An den Fronten verloren sie ihre bürgerlichen Lebensgewohnheiten, ihre anerzogene Gefühlskultur, ihre Behaustheit. Sie gewöhnten sich daran zwischen der Apokalypse und dem Hilton-Hotel hin und herzupendeln, sie hatten überall ihre Liebschaften und ruinierten ihre Ehe. Sie hatten Geschmack am „Thrill“ gefunden und konnten eines Tages ohne diesen Kitzel nicht mehr leben, und sie kannten eines Tages in Seoul und in Saigon, in Beirut und in Bagdad jeden Taxifahrer und zu Hause niemanden mehr. Aber sie hatten, und damit trösteten sie sich, am Ende eines Tages oft mehr erlebt als der Durchschnittsbürger in seinem ganzen Leben.“
James Nachtwey. West Darfur, Sudan. Eine Mutter am Bett ihres hepatitis-kranken Sohnes.
Nachtwey hatte kein bürgerliches Leben, keine Ehe und Familie zu verlieren, denn von dem Tag an, als er beschloß, Kriegsfotograf zu werden, widmete er sein Leben dieser Aufgabe. Er gründete keine Familie, zog keine Kinder groß. Er fotografierte.
Vielleicht ist das der Grund dafür, warum er kein Zyniker wurde. Weil er niemals den Gegensatz gelebt hat, an einem Tag ein verhungertes kleines Kind abzulichten und wenig später die eigenen gesunden und wohlgenährten Kinder in den Arm zu schließen. Sein Leben wirkt wie von einer höheren Kraft geleitet, ein ständiger Übergang von mönchischer Askese zur Erfüllung der Mission. Und so entstanden und entstehen die ästhetischsten Kriegsfotografien aller Zeiten und das ist es, was ihm häufig vorgehalten wird.
Nachtweys Bilder sind wahrlich schön: perfektes Licht, wunderbare Bildkomposition, immer ganz nah dran: die Ästhetisierung des Grauens. In „The Village Voice“ wirft Richard B. Woodward dem berühmten Kriegsfotografen vor, er schüre die Lust auf immer schrecklichere Bilder und gefalle sich dabei in der Rolle des Heiligen. Außerdem fehle ihm ein echtes Anliegen.
Da stellt sich die Frage, wie Krieg denn darzustellen sei beziehungsweise ob er überhaupt dargestellt werden sollte? Was wären Nachtweys Bilder wert, wären sie nicht in ihrer Vollkommenheit in den großen Magazinen abgebildet worden? Hätten sie es jemals bis dahin geschafft? Ist ein flüchtig geknipstes Kriegsbild das bessere Bild, nur weil der Fotograf die ästhetischen Gesichtspunkte angesichts des Schreckens außer Acht läßt? Nein, denn diese Bilder kämen nicht ans Licht, sie blieben unveröffentlicht aufgrund mangelnder Qualität. Nachtweys Bilder sind eben gerade wegen ihrer unglaublichen Perfektion und Ausdruckskraft so weit gekommen und eben deswegen erreichen sie ein so großes Publikum. Und das ist das Anliegen Nachtweys, das, weswegen er ruhelos und unermüdlich arbeitet. Immer öfter jedoch hängen seine Bilder auch in Galerien und Ausstellungen, nicht weil es Nachtwey in den Kunstmarkt zieht, sondern vielmehr weil es immer schwerer wird, diese unglaublichen Bilder von Hunger, Krieg und Armut in den glänzenden Magazinen zu platzieren. Wer möchte schon neben der Werbung für sein Produkt einen beinamputierten Kriegsveteranen gedruckt sehen? Nachtwey will in die Massenmedien, nicht in elitäre Kunstpaläste, aber besser dort als gar nicht. Denn nur dafür arbeitet er, daß möglichst viele Menschen diese Bilder sehen.
Aber hinter dieser riesigen Arbeitswut steckt letztlich doch der Mensch James Nachtwey und niemand weiß, wie es ihm geht, wenn er zu Hause in seinem New Yorker Loft die Zeit zwischen zwei Einsätzen durchlebt.
Der südafrikanische Fotojournalist und Kriegsfotograf Kevin Carter gewann 1994 den Pulitzerpreis für ein Bild aus dem Sudan. Zu sehen ist ein Geier hinter einem auf dem Boden kauernden beinahe verhungertem Kind. Carter hatte das Kind fotografiert, ihm aber nicht geholfen. Er beging Selbstmord. Ein Auszug aus seinem Abschiedsbrief: „Ich werde verfolgt von Erinnerungen an das Morden, an die Leichen, an die Wut, an den Schmerz …, an verhungernde und verwundete Kinder, an schießwütige Irre … Der Schmerz des Lebens übersteigt die Freude in einem Maße, dass keine Freude mehr existiert.“
Rumänien. 1990. Kinderheim.
Wie ist es Nachtwey zumute, wenn er die frisch fotografierten Bilder entwickeln lässt und die ersten Abzüge entstanden sind? Wenn er auf diesen Bildern halbverhungerte, über vertrocknete Erde kriechende Menschen erblickt, vor denen er stand und auf den Auslöser der Kamera drückte? Es ist allerdings bekannt, dass Nachtwey nicht nur fotografiert, sondern tatsächlich auch oft geholfen hat, wenn es ihm irgendwie möglich war. Vielleicht rettet ihn das und bewahrt ihn vor dem Zusammenbruch.
Vermutlich wird James Nachtwey fotografieren bis er stirbt und es ist nicht unwahrscheinlich, dass ihn sein Tod auf einem der gefährlichen Einsätze ereilt. Denn die Krux der Kriegsfotografie ist: Man kann nicht einfach aufhören; so auch Don McCullin, der 1981, von Alpträumen geplagt, beschloß, endgültig auszusteigen und niemals wieder ein Kriegsgebiet zu betreten. 1982 flog er nach Nicaragua und fotografierte. Und Michael Herr sagte einmal: „Zurückzukommen war immer ein Abstieg. Nach so etwas wie dem, was wollte dich da noch packen, was hielt den Vergleich aus, was sollte da noch nachkommen?“
Was also soll noch kommen im Leben von James Nachtwey? Niemand wartet zu Hause auf ihn. Und der Krieg, der hört niemals auf. Oder doch? Dann wäre die Mission erfüllt.
Daniela Krien
Ganz besonderen Dank gilt Christian Frei. Der renommierte Schweizer Dokumentarfilmer gab uns die Erlaubnis, einige Minuten aus seinem vielfach preisgekrönten Film über James Nachtwey “War Photographer” hier bei amadelio zu veröffentlichen. “War Photographer” war sogar für einen Oscar nominiert. Christian Frei und sein Freund und Kameramann Peter Indergand begleiteten Nachtwey zwei Jahre lang in verschiedene Krisengebiete dieser Welt und schufen diesen großartigen und berührenden Film. Wir freuen uns sehr, unseren Zuschauern nun einen Ausschnitt präsentieren zu dürfen:
Der ganze Film ist auf DVD erhältlich.
LINE OF BEAUTY AND GRACE
A documentary about Jock Sturges
About the film
Watch the trailer
Buy the DVD








6 Kommentare zu “Vlog, Videoblog: James Nachtwey : Kriegsfotograf”
01
[...] Hey, gerade via Kommentar von Christian auf den Interviewsender Amadelio gestoßen. Die haben nicht nur ein wirklich anrührendes Interview mit James Nachtwey gemacht, sondern noch allerhand anderes Schauenswertes. Und die Anmoderatorin ist auch ganz wunderbar. Da zapp ich jetzt öfter mal rein. Gibt’s auch bequem als Vlog. Foto: amadelio.de [...]
02
[...] schöner Ausschnitt aus dem Dokufilm “war photographer” von Christian Frei über Nachtwey auf dem Videoblog namens Amadelio: der Artikel dazu >> [...]
03
Auschnitte aus war photographer…
Ich hatte ja schon auf vor einiger Zeit auf den Film war photographer von/mit James Nachtwey hingewiesen.Bei Robert bin ich über eine Seite gestolpert die Ausschnitte des Films zeigt, wer den Film also noch nicht gesehen hat kann hier mal reinschnuppe…
04
[...] Robert Basic bezeichnet es als Blogperle, ich eher als “Entschleunigungskur”, denn das Format ist ruhig und man muss sich darauf einlassen wollen. Die vorgestellten Menschen sind bunt gewürfelt: So kommt eine Mutter ebenso zu Wort wie ein Kriegsfotograf, ein Kunstsammler und ein Stadtschreiber. Thomas Gigold | Menschen | 2 Kommentare zu “Menschen im Mittelpunkt” 13:17 | Feb 16′ 2007| Robert schreibt: Februar 16th, 2007 at 13:17 [...]
05
[...] can be found stuff like an interview with James Nachtwey, an interview with Bodo Nieman about the photographer Gerhard Riebecke (who documented the German [...]
06
[...] Globe” und dem “digitaljournalist“. Interessant sind auch die Ausschnitte bei amadelio aus dem Film “War Photographer”, der Nachtwey bei der Arbeit [...]
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