Vlog, Videoblog: Maurizio Cattelan : Hofnarr oder Künstler
19. February 2007

Interview mit Maurizio Cattelan (Quicktime-Video)
Was hat ein rosa Hasen-Phallus-Kostüm, in dem der Pariser Gallerist Emmanuel Perrotin steckt mit dem beleibten, an die Wand seiner Galerie geklebten Mailänder Galeristen Massimo de Carlo gemeinsam? Oder was hat ein von einem Meteoriten erschlagener wächsener Papst mit einem Eichhörnchen zu tun, das am Küchentisch sitzend Selbstmord begangen hat? Diese Kunstwerke, oder Scherze, stammen alle von dem italienischen Künstler, oder Hofnarr, Maurizio Cattelan.
Künstler sei er geworden wegen „des geregelten Einkommens und der attraktiven Frauen“, sagt Cattelan. Tatsächlich kam er verhältnismäßig spät zur Kunst, mit Ende 20. Seine zahlreichen und verschiedenartigsten Jobs haben ihn offenbar gut vorbereitet auf die Absurditäten der Kunstwelt. Er arbeitete unter anderem im Souvenirladen eines Klosters, im Leichenschauhaus, in einer Wäscherei und nun als weltberühmter Künstler. Aus vielen Arbeitsverhältnissen flog er ob seiner dauernden Faxen und Clownerie raus. In seinem aktuellen „Job“ muß er solches wohl nicht befürchten, denn endlich darf er machen, was er will. Das tut er auch und zwar exzessiv. Manchmal macht er einfach nichts: zum Beispiel
eine Ausstellungseröffnung in einer leeren Galerie ohne Künstler. Dann wieder klaut er vom Künstler in der Nachbargalerie und gibt die Arbeit als seine aus. War das Einfallslosigkeit, Mangel an Kreativität? Nein. Das ist konzeptuelle Kunst, sagen die Kunstkritiker und Galeristen und Käufer seiner Werke. In der Konzeptkunst kann man auch die Großmutter eines reichen englischen Kunstsammlers in Wachs gießen lassen und in dessen Kühlschrank hineinsetzen. Dort bleibt sie wohl bis zum Ende ihrer Tage oder seiner Tage oder noch länger. Vielleicht kommt sie irgendwann ins Museum. Der Sammler hatte etwas „richtig Cooles“ bei Cattelan bestellt und im wahrsten Sinne des Wortes bekommen. Ob Maurizio beim Erhalt seiner Gage für das Werk einige clowneske Luftsprünge gemacht hat? Viel Arbeit hatte er jedenfalls nicht mit der „Betsy“-Skulptur, denn er beauftragt ausschließlich professionelle Handwerker für seine Arbeiten. So wurde auch der knieende, betende Hitler, eine seiner verstörendsten Arbeiten, von einem Wachsbildhauer angefertigt. Cattelan hatte ihm nur erklärt, er wolle einen zwölfjährigen Jungen mit dem Kopf Adolf Hitlers haben. Er lässt andere aber nicht nur für sich bildhauern, sondern auch sprechen. In den seltenen Interviews, sitzt er neben seinem Double und nickt zu dessen Antworten. Manchmal ist nur das Double anwesend. Ist Cattelan nur schüchtern oder leidet er unter einer ernsten Persönlichkeitsstörung?
Eine andere Arbeit Cattelans sah wie folgt aus: Vom 10. bis 17. November 1999 lud er zehn international angesehene Künstler zu Gratisferien auf die Insel St. Kitts in British-Westindien ein. Er nannte das Spektakel „6. Karibische Biennale“. Zusätzlich gab es einen kleinen Hurrikan, der die Gruppe zwang, noch einige Tage länger zu verweilen. Die Teilnehmer stellten nichts aus, sie diskutierten auch nicht über Kunst. Sie machten Ferien, wie Cattelan angekündigt hatte.
Das wiederum hatten die Kritiker, die ebenfalls angereist waren, dann doch nicht erwartet. Besonders erbost über die fehlende, oder unsichtbare, Kunst, gab sich die Kritikerin Jenny Liu in der „Frieze“ No. 51, März/April 2000 ihrer Wut hin:
„Eine derart zynische und zwiespältige Aktion wie die Karibische Biennale ist nur deprimierend: man sollte meinen, dass eine Kritik der eigenen Praxis ethische, ja idealistische Qualität hätte. Aber diese Art von Humor war aggressive Performance und Verzweiflungstat in einem, nichts als eine weitere triste Übung in Ironie und Parodie.“
Einmal mehr hat Cattelan alle an der Nase herumgeführt. Alle, vielleicht auch sich selbst und mich, die ich darüber schreibe. Weiß er noch, wo er er selbst ist und wann und wo die Kunst, oder der Scherz, beginnt und aufhört? Gibt es wirklich den Moment, wo sich Maurizio Cattelan zu Hause in seiner Wohnung zufrieden zurücklehnt und sich diebisch freut, die ganze Kunstwelt gefoppt zu haben? Ist er ein Zyniker? Oder hält er permanent den Menschen den Spiegel vor, dass sie erkennen mögen, was und wer sie wirklich sind und wie leicht manipulierbar?
Cattelans Arbeiten sind jedenfalls keine bloße institutionelle Kritik, auch sucht er offenbar nicht nach dem Schönen und Wahren in der Kunst. Nein, ein höherer Zweck scheint nicht vorhanden zu sein. Oder ist er so hoch, dass wir ihn nicht mehr erkennen? Und jetzt folgt die wohl einzige, gesicherte Erkenntnis über Maurizio Cattelan: Niemand weiß es. Und deswegen, aber nicht nur, bleibt Maurizio Cattelan ein interessantes Mysterium, ein witziger und einfallsreicher Künstler, oder Narr, ein wichtiger Vertreter der konzeptuellen Kunst, sofern diese wichtig ist. Somit sind wir gespannt auf den nächsten burlesken Maurizio-Streich.
Daniela Krien
Der gezeigte Ausschnitt entstammt der ArtSafari von Ben Lewis. Diese Reihe von Künstlerportraits sind als DVD bei absolutmedien.de erhältlich.
Neben Maurizio Cattelan werden zudem noch Sophie Calle, Matthew Barney, Santiago Sierra, Gregor Schneider und Wim Delvoye gezeigt.
LINE OF BEAUTY AND GRACE
A documentary about Jock Sturges
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2 Kommentare zu “Vlog, Videoblog: Maurizio Cattelan : Hofnarr oder Künstler”
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