Archiv für April 2007
Monday, 30. April 2007

Interview mit Lothar de Maiziere und Uwe Müller (Quicktime-Video)
Die Wiedervereinigung und das Prekariat
Der Eine war in der Wendezeit Ministerpräsident und später auch Außenminister der Noch-DDR, der Andere ist Journalist und Autor des Buches Supergau Deutsche Einheit. Die Rede ist von Lothar de Maizière, ehemals Musiker, dann Politiker und heute Anwalt und von Uwe Müller, Journalist bei der WELT.
Wir trafen de Maizière und Müller in Berlin und führten zwei getrennte Gespräche zum selben Thema. Im Wesentlichen ging es um die bestehenden Probleme in Ostdeutschland, die Ursachen und möglichen Lösungsansätze. Die Meinungen liefen erwartungsgemäß weit auseinander.
Die Deutsche Wiedervereinigung ist ein geschichtliches Ereignis, das zunächst einmal von beiden Seiten Deutschlands euphorisch begrüßt wurde. Im allgemeinen Glückstaumel wurden dann vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl „blühende Landschaften“ versprochen.
Eine aktuelle Umfrage im Ostgebiet brachte die Ergebnisse, dass 67% Angst vor den gegenwärtigen gesellschaftlichen Veränderungen haben, 56% ihr Leben als ständigen Kampf empfinden, 48% sich vom Staat allein gelassen fühlen und 22% eine generelle Verunsicherung fühlen (Quelle: TNS Infratest Sozialforschung). Das klingt nicht nach „blühenden Landschaften“, wobei man nicht vergessen darf, dass diese Worte Helmut Kohls in einer emotionalen Extremsituation gefallen sind und auch ein Spitzenpolitiker in die Situation geraten kann, mitgerissen zu werden von einer großen Freude. Dennoch war es eine eklatante Fehleinschätzung.
Die Angst vorm sozialen Abstieg sitzt tief und ist keineswegs paranoid, (more…)
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Interview: Gesellschaft, Interview: Politik |
Tuesday, 24. April 2007

Interview mit Arne Klempert, Geschäftsführer der Wikipedia Deutschland (Quicktime-Video)
Wikipedia oder der optimistische Versuch den Realismus zu widerlegen
Es war nicht weniger als die Idee von der Gleichheit der Menschen und der Traum von der Demokratisierung des Wissens: die Gründung der Online-Enzyklopädie Wikipedia. Im Januar 2001 ging sie online, privat finanziert zunächst vom „Urvater“ der Wikipedia-Idee Jimmy Wales. Die Idee ist so simpel wie einzigartig: Tausende Menschen schreiben in einer großen Gemeinschaftsarbeit an den Beiträgen für die Enzyklopädie. Jeder Leser ist gleichzeitig auch potentieller Autor; denn jeder Nutzer hat ein Zugriffsrecht und kann ins Geschehen eingreifen, soll heißen: mitschreiben, ändern, löschen. Die Änderungen wiederum werden erneut von der Gemeinschaft auf Richtigkeit geprüft und so weiter und so fort. Viele sind intelligenter als ein Einzelner; dieser Gedanke liegt der Wikipedia zugrunde. Auch von Schwarmintelligenz, kollektiver Intelligenz oder Weisheit der Massen ist die Rede wenn es um die Wikipedia geht. Das ist ein Konzept, das manchem Magenschmerzen bereitet, denn hier treffen Weltanschauungen aufeinander: die anti-elitäre (more…)
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Interview: Gesellschaft, Interview: Innovation, Interview: Wirtschaft |
Monday, 16. April 2007

Interview mit Zoltan Jokay, Fotograf (Quicktime-Video)
Poesie des Alltäglichen
„Irgendwann hat jemand meine Bilder Kunst genannt“, sagt Zoltan Jokay über seine eigenen Arbeiten. Es steckt in dieser Aussage eine Bescheidenheit, die ihn als Mensch und Fotograf auszeichnet. Seine Haltung gegenüber dem Leben und den Menschen, denen er begegnet, ist völlig unprätentiös und eben das spiegeln die Bilder wieder.
Zoltan Jokay fotografiert Menschen in ihren alltäglichen Lebenssituationen. Keiner der Abgebildeten taugt als gewohnte Projektionsfläche der
Hochglanzmagazine; es sind einfach Menschen, wie man sie tagtäglich auf den Straßen trifft. Man glaubt, nach dem Betrachten der Bilder, einen Teil der Geschichten zu kennen, die hinter den vielen Gesichtern stecken. Jokay schafft für den Moment des Fotografierens eine unglaubliche Nähe, wenn auch eine flüchtige. Und weil die Menschen, die er abbildet, sich im Moment der Nähe öffnen und einen Teil ihrer selbst bereit sind zu zeigen, sich also auch verletzlich machen, berühren die Bilder von Zoltan Jokay. Vor allem die Bilder der Kinder tragen einen ganz besonderen Zauber in sich. Die viel gepriesene kindliche Unbeschwertheit (more…)
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Interview: Kunst und Kultur |
Monday, 9. April 2007

Interview mit Laila (Quicktime-Video)
Kulturelle Identität
Gibt es so etwas wie kollektive oder kulturelle Identität? Wo hört das Ich auf und wo beginnt das Wir?
Sobald sich ein Mensch als einer Gruppe zugehörig bezeichnet, erfolgt eine klare Abgrenzung von anderen Gruppen und Individuen. Sobald man über sich selbst spricht, über die eigene Biographie, referiert man permanent auf Kontinuität und Kohärenz. Das heißt, die Kontinuität der eigenen individuellen Entwicklung und das geschlossene Bild, die Logik, die darin liegt, sind entscheidende Kategorien, um Identität zu beschreiben.
Das mag noch relativ einfach sein, wenn ein in Deutschland geborener und aufgewachsener Mensch sich logischerweise als Deutscher bezeichnet. Wobei damit nicht vielmehr gesagt ist, als dass er eben kein Pole, Amerikaner oder Russe ist, sondern Deutscher. Das Spezifische am Deutschsein ist allerdings noch vollkommen ungeklärt.
Schwieriger wird es, wenn eine junge Frau namens Leila, die aus dem Irak stammt und mit ihren Eltern einst in die DDR zog und dort aufwuchs, über ihr Leben spricht. Dann fallen Sätze wie: „Ich komme aus dem Irak, wohne jetzt in Ostdeutschland und habe hier eine deutsche Tochter gekriegt.“ Diese Aussage gibt etwas preis über ihre individuelle Identität, nicht aber über ihre kulturelle, denn der Begriff der kulturellen Identität ist in hohem Maß von einer Gruppenzugehörigkeit gekennzeichnet. Welcher Gruppe gehört sie an? Der Gruppe der Muslime? Der Gruppe der ehemaligen DDR-Bürger? Der Gruppe der jungen alleinerziehenden Mütter mit Kind? Letztere verfügen wohl nicht über ausreichend Bindungskraft, um überhaupt die Bezeichnung Gruppe tragen zu dürfen. Und Muslimin ist sie im Herzen, aber nicht (more…)
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Interview: Gesellschaft, Interview: Liebe und Leben |
Monday, 2. April 2007

Interview mit Prinz Asfa-Wossen Asserate (Quicktime-Video)
Manierliche Ansichten eines Prinz
Wer kennt sie nicht, Situationen wie diese: ein volles Wartezimmer beim Arzt, ein Pärchen betritt grußlos den Raum und nörgelt erst einmal darüber, warten zu müssen; oder diese: Mutter mit zwei weinenden Kleinkindern in der Warteschlange im Supermarkt. Die Mutter tröstet die Kinder und schwupp drängelt sich ein Mann im Großvateralter vor sie.
Das, man kann es nicht beschönigen, sind schlechte Manieren.
Manieren sind ein nicht wegzudenkender Bestandteil gesellschaftlichen Zusammenlebens. Sie ermöglichen einen respektvollen Umgang miteinander und geben dem Einzelnen Sicherheit und Schutz. Manieren machen aus dem rohen, vollkommen egoistischen Wesen, das wir alle bei unserer Geburt waren, ein verträgliches und umgängliches. Sie sind ein Kulturgut, auf das wir nicht verzichten können.
Im Jahr 2003 veröffentlichte Prinz Asfa-Wossen Asserate ein viel gelesenes und viel diskutiertes Buch, das den Titel „Manieren“ trägt. Wer sich nun eine Benimm-Fibel vorstellt, wird enttäuscht sein, denn dieses Buch bespricht nicht nur schlichte Umgangsformen, sondern unternimmt außerordentlich vielseitige und geistreiche Ausflüge in die deutsche und europäische Geschichte. Der Sprachstil ist passend zum Inhalt sehr gesittet und elegant und trägt entscheidend zum Lesevergnügen bei.
Nach der Lektüre von „Manieren“ weiß man nicht nur, wo viele unserer Gebräuche und Sitten herkommen, sondern man gerät zwangsläufig in die Situation, sich der eigenen Gebräuchlichkeiten bewusst zu werden und die eigenen vorhandenen, abhanden gekommenen oder nie da gewesenen Manieren zu überdenken.
Der aus Äthiopien stammende Prinz (more…)
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Interview: Gesellschaft, Interview: Kunst und Kultur |