Vlog, Videoblog: Prinz Asfa-Wossen Asserate : Manieren

2. April 2007

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Interview mit Prinz Asfa-Wossen Asserate (Quicktime-Video)

Manierliche Ansichten eines Prinz

Wer kennt sie nicht, Situationen wie diese: ein volles Wartezimmer beim Arzt, ein Pärchen betritt grußlos den Raum und nörgelt erst einmal darüber, warten zu müssen; oder diese: Mutter mit zwei weinenden Kleinkindern in der Warteschlange im Supermarkt. Die Mutter tröstet die Kinder und schwupp drängelt sich ein Mann im Großvateralter vor sie.
Das, man kann es nicht beschönigen, sind schlechte Manieren.

Manieren sind ein nicht wegzudenkender Bestandteil gesellschaftlichen Zusammenlebens. Sie ermöglichen einen respektvollen Umgang miteinander und geben dem Einzelnen Sicherheit und Schutz. Manieren machen aus dem rohen, vollkommen egoistischen Wesen, das wir alle bei unserer Geburt waren, ein verträgliches und umgängliches. Sie sind ein Kulturgut, auf das wir nicht verzichten können.

Im Jahr 2003 veröffentlichte Prinz Asfa-Wossen Asserate ein viel gelesenes und viel diskutiertes Buch, das den Titel „Manieren“ trägt. Wer sich nun eine Benimm-Fibel vorstellt, wird enttäuscht sein, denn dieses Buch bespricht nicht nur schlichte Umgangsformen, sondern unternimmt außerordentlich vielseitige und geistreiche Ausflüge in die deutsche und europäische Geschichte. Der Sprachstil ist passend zum Inhalt sehr gesittet und elegant und trägt entscheidend zum Lesevergnügen bei.
Nach der Lektüre von „Manieren“ weiß man nicht nur, wo viele unserer Gebräuche und Sitten herkommen, sondern man gerät zwangsläufig in die Situation, sich der eigenen Gebräuchlichkeiten bewusst zu werden und die eigenen vorhandenen, abhanden gekommenen oder nie da gewesenen Manieren zu überdenken.

Der aus Äthiopien stammende Prinz Asfa-Wossen Asserate, der Großneffe des ermordeten Kaisers Haile Selassie, lebt nun schon seit Jahrzehnten in Deutschland. Er studierte in Tübingen, wo er Mitglied des Studentencorps „Suevia“ war, in Cambridge und Frankfurt am Main Geschichte und Ethnologie. Er erlebte den gesellschaftlichen Wandel, den die 68er in unserem Land herbeiführten und war tief beeindruckt von den Möglichkeiten eines demokratischen Systems, vor allem von der Toleranz gegenüber Andersdenkenden. Das wird umso verständlicher, wenn man bedenkt, dass es in keiner afrikanischen Sprache ein Äquivalent des Wortes „Gegner“ gibt. In Afrika existieren nur Freunde oder Feinde; einen respektvollen Umgang mit Menschen, die eine konträre Meinung vertreten, wird so zur Unmöglichkeit. Das, so sagt Prinz Asserate selbst, lernte er erst in Deutschland.

In seinem Buch geht es um Begriffe wie Ehre, Diskretion, Vulgarität; er beschreibt den hierzulande üblichen Umgang mit Feinden, Begrüßungs- und Essrituale, Kleidungsstile etc. Zu den meisten Themen hat Asserate einen festen Standpunkt, jedoch behauptet er sich nicht als „Papst“ der Manieren. Dazu sind seine Manieren einfach zu gut. Dante zitiert er ebenso passend wie Dávila; die großen deutschen Dichter kennt er wie seine eigene Westentasche. Asserate ist im wahrsten Sinne des Wortes ein gebildeter Mensch.

Es gibt außerdem Passagen in diesem Buch, wo man sich wünscht, Prinz Asserate möge weitere, vertiefende Bücher schreiben; zum Beispiel wenn es im Kapitel „Die Dame“ um die Frauen geht. Da forscht Asserate nach der Herkunft der viel gerühmten „Dame“ und stellt Vermutungen an, die bis ins Mittelalter und den Minnesang zurückreichen. Gekonnt schlägt er dann den Bogen zum europäischen Feminismus; da heißt es unter anderem: „Die feministischen Frauen haben sich in ihrem Kampfgeist den Stil und die Haltung verfolgter Minderheiten im Widerstandskampf zum Vorbild genommen. Sie fordern nicht bewundernde Verehrung, sondern den eingeschüchterten Gehorsam, (…). Er behauptet, es bestünde ein Ideal der Frau als vollkommenen Menschen an sich, was wiederum zurückzuführen sei auf die Frau aller Frauen und die Mutter aller Mütter: die Madonna, Maria, die Reine, die Ewige. Wie, sollte dies wahr sein, sollen sich Männer und Frauen dann je auf Augenhöhe begegnen?

Neben solch aufgeworfenen großen Fragen stehen auch immer wieder amüsante Kapitel, ausgeschmückt mit schönen Anekdoten aus Asserates reichhaltigem Repertoire, so zum Beispiel wenn es um das Betrunkensein geht. Aber das lese jeder selbst.

Obwohl Asserate den Großteil seines Lebens in Deutschland verbracht hat, kann er doch mit einer gewissen Distanz auf dieses Land und seine Leute blicken; und der Blick von außen ist bekanntermaßen oft weniger subjektiv eingefärbt und sieht manches deutlicher. Seine Beobachtungen sind äußerst genau und die daraus gezogenen Schlüsse geben dem Leser Fragen mit auf den Weg. „Wie bleibt man sich treu in Zeiten ohne verbindliches Regelwerk?“ ist eine dieser Fragen und wunderbaren Denkanregungen.

Die Krux an der Sache ist nur: Jene, die die Lektüre dieses Buchs wirklich nötig hätten, die Nörgler und Drängler also, werden es vermutlich nicht lesen; und das ist bedauerlich.

Film ab!

Daniela Krien

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Ein Kommentar zu “Vlog, Videoblog: Prinz Asfa-Wossen Asserate : Manieren”

  1. 01

    God be with Prince Asfa-Wossen Asserate.

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    Samson Shawel am 8. March 2010 um 06:25
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