Vlog, Videoblog: Eine irakische Frau

9. April 2007

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Interview mit Laila (Quicktime-Video)

Kulturelle Identität

Gibt es so etwas wie kollektive oder kulturelle Identität? Wo hört das Ich auf und wo beginnt das Wir?
Sobald sich ein Mensch als einer Gruppe zugehörig bezeichnet, erfolgt eine klare Abgrenzung zu anderen Gruppen und Individuen. Sobald man über sich selbst spricht, über die eigene Biographie, referiert man permanent auf Kontinuität und Kohärenz. Das heißt, die Kontinuität der eigenen individuellen Entwicklung und das geschlossenen Bild, die Logik, die darin liegt, sind entscheidende Kategorien, um Identität zu beschreiben.
Das mag noch relativ einfach sein, wenn ein in Deutschland geborener und aufgewachsener Mensch sich logischerweise als Deutscher bezeichnet. Wobei damit nicht vielmehr gesagt ist, als dass er eben kein Pole, Amerikaner oder Russe ist, sondern Deutscher. Das Spezifische am Deutschsein ist allerdings noch vollkommen ungeklärt.
Schwieriger wird es, wenn eine junge Frau namens Leila, die aus dem Irak stammt und mit ihren Eltern einst in die DDR zog und dort aufwuchs über ihr Leben spricht. Dann fallen Sätze wie: „Ich komme aus dem Irak, wohne jetzt in Ostdeutschland und habe hier eine deutsche Tochter gekriegt.“ Diese Aussage gibt etwas preis über ihre individuelle Identität, nicht aber über ihre kulturelle, denn der Begriff der kulturellen Identität ist in hohem Maß von einer Gruppenzugehörigkeit gekennzeichnet. Welcher Gruppe gehört sie an? Der Gruppe der Muslime? Der Gruppe der ehemaligen DDR-Bürger? Der Gruppe der jungen alleinerziehenden Mütter mit Kind? Letztere verfügen wohl nicht über ausreichend Bindungskraft, um überhaupt die Bezeichnung Gruppe tragen zu dürfen. Und Muslimin ist sie im Herzen, aber nicht praktizierend, denn vom muslimischen Elternhaus hat sie sich distanziert. Ihre Freunde sind hauptsächlich Deutsche. Die Kultur des Irak kennt sie nur vom Hörensagen, die deutsche Kultur kennt sie dagegen besser. Dennoch ist sie stark geprägt vom Islam. All ihr Handeln als Jugendliche und junge Frau beruht auf einer klaren Abkehr von der Tradition, sich als muslimische Frau dem Willen des Familienpatriarchen zu fügen. Leila sagt über sich selbst, schon immer rebellisch gewesen zu sein. Rebelliert hat sie vor allem gegen ihren Vater, der die Mutter schlug und sie zwang, nach seinen Vorstellungen zu leben. Ihr bisheriges Leben verbrachte sie also hauptsächlich damit, sich von der Gruppe der Mädchen, die von ihren islamischen Vätern unterdrückt werden, zu distanzieren. Damit hat sie noch eine weitere Form von Identität oder Identifikation abgelegt, nämlich die der Familienzugehörigkeit. Sie hat es also geschafft, sich von allem zu befreien, was sie behindert hat in ihrem Drang zur Selbstverwirklichung. Das allein schafft jedoch noch keine Zugehörigkeit zu anderen Gruppe, womit wir wieder beim Problem der kulturellen Identität wären. Wo kann man Leilas kulturelle Identität verorten? Wieviel unserer deutschen Kultur hat sie verinnerlicht? Aber halt, was ist deutsche Kultur überhaupt? Mal ganz abgesehen von unseren großen Dichtern und Denkern gehört zur deutschen Kultur wohl auch, dass eine Frau selbstbestimmt ihr Leben wählen darf. Das ist zwar auch in Frankreich, Dänemark und vielen anderen Ländern möglich, ist also kein ausschließlich deutsches Phänomen, aber eben ein Teil unserer heute bestehenden Kultur.

Wie man es auch dreht und wendet, es lässt sich keine befriedigende Aussage über Leilas kulturelle Identität machen, ebenso nicht über meine oder Ihre; denn unsere Gesellschaft ist davon gekennzeichnet, dass sich noch nicht einmal ethnische Zugehörigkeiten sauber trennen lassen (zum Beweis erstelle man einmal eine Genealogie über 4 Generationen). Wir leben nicht in einer homogenen Gesellschaft und Leila wird wohl erst am Ende ihres Lebens sagen können, wo sie sich wirklich zugehörig fühlt und es faktisch auch war.
In unserem Interview aber spricht sie über ihr Leben jetzt und hier.

Film ab!

Daniela Krien

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