Vlog, Videoblog: Wikipedia oder die Weisheit der Masse
24. April 2007
Interview mit Arne Klempert, Geschäftsführer der Wikipedia Deutschland (Quicktime-Video)
Wikipedia oder der optimistische Versuch den Realismus zu widerlegen
Es war nicht weniger als die Idee von der Gleichheit der Menschen und der Traum von der Demokratisierung des Wissens: die Gründung der Online-Enzyklopädie Wikipedia. Im Januar 2001 ging sie online, privat finanziert zunächst vom „Urvater“ der Wikipedia-Idee Jimmy Wales. Die Idee ist so simpel wie einzigartig: Tausende Menschen schreiben in einer großen Gemeinschaftsarbeit an den Beiträgen für die Enzyklopädie. Jeder Leser ist gleichzeitig auch potentieller Autor; denn jeder Nutzer hat ein Zugriffsrecht und kann ins Geschehen eingreifen, soll heißen: mitschreiben, ändern, löschen. Die Änderungen wiederum werden erneut von der Gemeinschaft auf Richtigkeit geprüft und so weiter und so fort. Viele sind intelligenter als ein Einzelner; dieser Gedanke liegt der Wikipedia zugrunde. Auch von Schwarmintelligenz, kollektiver Intelligenz oder Weisheit der Massen ist die Rede wenn es um die Wikipedia geht. Das ist ein Konzept, das manchem Magenschmerzen bereitet, denn hier treffen Weltanschauungen aufeinander: die anti-elitäre und politisch links zu verortende Idee der Gleichheit steht dem eher konservativen oder rechten Ideal der Elitenbildung gegenüber. Die Einen glauben fest an die Entwicklung des Menschen zum Besseren, zugespitzt formuliert an das Paradies auf Erden, irgendwann jedenfalls. Die Anderen sind der Meinung, der Mensch sei, anthropologisch betrachtet, eben nicht besser und klüger geworden und schon gar nicht hätte ein jeder von Natur aus gleiche Fähigkeiten und könne ein hohes intellektuelles Niveau erreichen. Dies könnten eben nur Eliten leisten.
Kurz zusammengefaßt heißt das: Optimismus versus Realismus, Kollektivismus versus Individualismus. Ein Merkmal des Kollektivismus ist, dass der Einzelne dazu neigt, die persönliche Verantwortung auf das Kollektiv zu übertragen. Konkret auf die Wikipedia angewendet hieße das: Man schreibt anonym einen Artikel und vertraut anschließend auf die Korrektur möglicher Fehler durch die Wiki-Community.
Wikipedia ist also nicht nur eine Enzyklopädie. Wikipedia ist eine Weltanschauung.
Es gibt konservative Traditionalisten, die sich schlicht weigern, die Wikipedia zu benutzen; Begründung meist: die mangelnde Qualität der Artikel, vor allem im geisteswissenschaftlichen Bereich. Aber nicht nur dem Internet generell abweisend gegenüberstehende Menschen kritisieren die Wikipedia-Grundidee. Im SPIEGEL (Ausgabe 46/2006) spricht der Digitalvisionär Jaron Lanier über die Ideen des Internet: „Die schlimmste [Idee] ist der Glaube an die sogenannte Weisheit der Massen, die im Internet ihre Vollendung finde.“ Über Wikipedia sagt er: „Schnell wird der Einzelne Opfer des Mobs; die Gefahr von Wiki-Lynchjustiz halte ich für sehr real.“, und „…es ist doch lächerlich zu glauben, so könnten substanzreiche Dialoge entstehen. Die Leute verraten ja nicht einmal ihren richtigen Namen. Die verstecken sich hinter falschen, erfundenen Identitäten. Wer unsichtbar ist, ist unangreifbar. Die Wahrheit hingegen bekommen Sie nur mit Verantwortlichkeit.“ Ist Lanier, ein Apokalyptiker, oder nur ein Miesmacher?
Auf der anderen Seite gibt es Wikipedia-Nutzer, die sich kritiklos darauf verlassen, was sie da zu lesen bekommen. Das ist bedenklich, wenn man weiß, dass jeder alles hineinschreiben darf, was er will. Aber, so schrieb das Wirtschaftsmagazin Brand Eins (Ausgabe 04/05): „Experten von IBM und dem MIT kamen zu dem Ergebnis, dass absichtliche Entstellungen von Artikeln im Schnitt in weniger als drei Minuten entfernt sind.“ – ein offensichtlich gut funktionierender Selbstreinigungsmechanismus.
Solche leichtgläubigen und offensichtlich an mangelnder Bildung und Medienkompetenz leidende Nutzer sind wiederum nicht zu verwechseln mit den Wikipedia-Apologeten, die durchaus Höheres im Sinn haben. Nämlich die Bildung der Nutzer hin zu einem kritischen Umgang mit der Enzyklopädie, was heißt, immer wieder aufs Neue zu hinterfragen, sich auch aus anderen Quellen zu informieren und gegebenenfalls zu korrigieren, was nicht der Wahrheit entspricht. Und an dieser Stelle kommen wir zurück zur Weltanschauung: Wie viele Menschen sind willens und intelligent genug, um sich permanent derart tiefgreifend zu informieren (das sind, man kommt nicht drum herum, nur die Eliten); und mal ganz ehrlich: Wenn man einen Artikel in einer Enzyklopädie liest, möchte man doch sicher gehen, sich tatsächlich darauf verlassen zu können, denn ein Lexikon ist doch meistens die letzte Quelle, die man befragt, nachdem man alle anderen zur Verfügung stehenden bereits durchgearbeitet hat.
Aber man darf nicht vergessen, dass Wikipedia keine abgeschlossenen Sache ist, sondern im Prozeß begriffen. Zudem bemüht sich gerade Jimmy Wales darum, Experten aus Wissenschaft und Forschung für die Enzyklopädie zu gewinnen. Die anfänglich wohl tatsächlich vorhandene Elitenfeindlichkeit wäre damit widerlegt. Die Wikipedianer schließlich lernen stetig dazu und sind wirklich um Qualität bemüht. Denn, wie Lanier sagt, digitale Strukturen durchlaufen keine Evolution, Menschen jedoch schon. Somit dürfen wie gespannt sein, wo Wikipedia – dieses spannende Experiment – sich hin entwickelt.
In unserem Interview sprachen wir mit Arne Klempert, Geschäftsführer der Wikipedia Deutschland.
Daniela Krien
Für diejenigen, die die Wikipedia fernab von jeglichen Datenleitungen, trotzdem benutzen wollen, sei diese DVD-Sammlung empfohlen:
LINE OF BEAUTY AND GRACE
A documentary about Jock Sturges
About the film
Watch the trailer
Buy the DVD








3 Kommentare zu “Vlog, Videoblog: Wikipedia oder die Weisheit der Masse”
01
[...] Interview. Diesmal mit dem Geschäftsführer der Wikimedia Deutschland, Arno Klempert (Wikipedia oder die Weisheit der Masse). Dieser hat zwar eine eigene Homepage, aber witzigerweise keinen eigenen [...]
02
[...] benötigen. Es sind oftmals die jungen und dynamischen Neugründungen wie Skype, Google, Wikipedia (an dieser Stelle sei unser Interview mit Arne Klempert empfohlen) oder auch Linux, die den Takt [...]
03
[...] Interview. Diesmal mit dem Geschäftsführer der Wikimedia Deutschland, Arne Klempert (Wikipedia oder die Weisheit der Masse). Dieser hat zwar eine eigene Homepage, aber witzigerweise keinen eigenen [...]
Kommentar schreiben