Vlog, Videoblog: Morten Schuldt-Jensen: Musik und Konsum

8. May 2007

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Interview mit Morten Schuldt-Jensen (Quicktime-Video)

Um die Gesellschaft, in der wir leben, zu charakterisieren, ist es sinnvoll zur Beschreibung Beispiele aus den verschiedenen Teilbereichen heranzuziehen. Eine Möglichkeit ist, zu sagen, wir sind eine Konsumgesellschaft. Das allgemeine Konsumverhalten finden wir schließlich nicht nur in unseren exorbitanten Konsumoasen wieder, sondern unter anderem auch in den Beziehungen zwischen Menschen, in der Freizeitgestaltung oder eben auch in der Musik.
„Laut und schön“ muß es sein, um ausverkaufte Konzertsäle zu garantieren. Bildgewaltig und irgendwie sensationell. Stars dürfen nicht fehlen, am besten natürlich schöne Frauen. Allen voran die derzeitige Gallionsfigur der Oper: Anna Netrebko. Und am Ende muß laut „Bravo“ geschrien werden, auch im sonst gefühlsmäßig eher zurückhaltenden Deutschland. Aber wenn eine so schöne Frau ein so langes hohes C singt…
Selber singen ist jedoch weniger populär. Das entspricht wiederum dem Konsumverhalten, welches eine gewisse Passivität beinhaltet. Das heißt, man konsumiert, was andere geschaffen haben, ohne sich selbst einzubringen – ausgenommen ist natürlich der Bezahlvorgang als einzige aktive Handlung. Wer konsumiert, dessen Eigeninitiative reduziert sich – vorübergehend jedenfalls – auf ein Minimum.

Nun gibt es, auf die klassische Musik bezogen, natürlich reichhaltige Angebote komplexer und intelligenter Werke, die vom Konsumenten viel fordern und ihn nicht in einer passiven, dumpfen Berieselungserwartung verharren lassen. Diese Art Musik weckt ein ästhetisches Interesse und das geschieht nur, wenn die ästhetische Nachricht mehrdeutig ist, das heißt originell, komplex, aber noch redundant genug, um verstanden zu werden. Konzerte dieser Art jedoch sind faktisch schwer zu verkaufen. Der Zuhörer braucht ein Mindestmaß an musikalischer Bildung, um in solcher Musik einen Genuß zu finden und zudem die Bereitschaft, sich dieser „anstrengenden“ Musik hinzugeben.
Unsere Sozialisation in die abendländische Musik mit ihrem Codesystem der Tonleiter geschieht im ersten Lebensjahrzehnt. In dieser Zeit wird der Grundstein für die Möglichkeit gelegt, im Erwachsenenalter klassische Konzerte von hoher Qualität hören zu können; und können meint an dieser Stelle wirklich die Fähigkeit, diese Musik aufzunehmen und zu verstehen, denn ohne Verständnis kommt der Genuß nicht zustande. Und spätestens hier wird sichtbar, dass die Konsumhaltung zum Beispiel in einer Bruckner-Sinfonie nicht funktioniert, da hier das bloße Dasitzen und Zuhören nicht den erwarteten Genuß bringt. Man muß sich vielmehr mit allen Sinnen einbringen und quasi aktiv hören.
In der Erziehung hin zu diesen Begabungen sind Eltern und Lehrer bzw. Bildungspolitiker gefragt. In den Jahrzehnten nach den 68ern jedoch, sind viele Schüler hauptsächlich mit Bob Dylan und Beatles-Songs im Musikunterricht bespielt worden. Das ist Musik, die aus wenigen Akkorden besteht, im Prinzip banal ist und äußerst redundant. Zweifelsohne gibt es wunderbare Stücke darunter, die aber hauptsächlich durch das Charisma und die künstlerische Originalität des Interpreten schön werden. Zum gemeinschaftlichen Singen eignen sie sich wenig, zur Ausbildung eines sicheren musikalischen Geschmackes ebenso wenig. Vielen Menschen fehlt schlicht die Ausbildung zum Hören. Und so man beginnt zu verstehen, warum die Leute scharenweise in die großen, pompös und bunt inszenierten italienischen Opern rennen, die sich eben relativ leicht konsumieren lassen, da das Hören hauptsächlich ein emotionales ist, und andererseits den Konzerten fernbleiben, die vor allem durch feinsinnige, tiefe Musik auffallen. Aber dies ist nur einer der vielen möglichen Ansatzpunkte einer Erklärung des Desinteresses an bestimmter klassischer Musik.
Unser diesmaliger Interviewpartner Morten Schuldt-Jensen bedauert den Mangel an Bildung und das geringe Interesse an komplexer klassischer Musik. Morten Schuldt-Jensen (geb. 1958) studierte Chor- und Orchesterdirigieren sowie Gesang und Gesangspädagogik an der Königlich Dänischen Musikakademie Kopenhagen. Er arbeitete mit vielen verschiedenen Orchestern und Chors und erhielt zahlreiche internationale Preise. Bis vor wenigen Wochen leitete er den Gewandhauschor zu Leipzig. Inzwischen trat er in Freiburg/Breisgau eine Professur an der dortigen Musikhochschule an.

Film ab!

Daniela Krien

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