Kommentar: Web 2.0 oder Lieschen Müller´s Diaabend
16. May 2007

Gilles Rousselet.
Das Internet ist noch immer jung und mit all den Pickeln und Pusteln eines Pubertierenden bedeckt. Natürlich sind die ersten Wellen wild über die Netzgemeinden hinweggefegt. Man hat sich an Accounts, User und Warenkörbe gewöhnt. Es ist nicht mehr ganz so idealistisch, nicht mehr ganz so euphorisch (siehe Cluetrain Manifest), aber es ist immer mehr und immer lebendiger, als viele Auguren beim Platzen der Blase orakelt haben. Das Netz wird also langsam erwachsen, oder wir bauen langsam die Straßen, die wir in dem Dschungel Internet benötigen. Es sind oftmals die jungen und dynamischen Neugründungen wie Skype, Google, Wikipedia (an dieser Stelle sei unser Interview mit Arne Klempert empfohlen) oder auch Linux, die den Takt des Netzes bestimmen. Die alteingesessenen Firmen wie Microsoft oder auch die Hollywood Studios waren nicht diejenigen, die das Netz gestaltet haben.
All diese Erfindungen und neuartigen Herangehensweisen haben viel bewegt und das Momentum, diesen sagenhaften Umbruch in unserer Wirtschaft beschleunigt. Wer hätte vor sechs Jahren geahnt, daß eine Bewegung wie Wikipedia so eine Bedeutung erlangen könnte oder auch diese reizende Applikation Skype, die den Markt der Telekommunikation revolutioniert?
Derzeit werden viele Gespräche und Konferenzen über das sogenannte Web 2.0 geführt, wo sich eine seltsam anmutende Schar über allerlei Budenzauber beugt und unter anderem ein Mitmachweb (user-generated-content) ausgerufen hat. Betrachtet man dann YouTube, Flickr, SecondLife oder auch Weblogs, dann beschleicht den Kundigen ein leichtes Grauen. Dieses Grauen rührt nicht von der Unbeschwertheit dieser Netzgemeinden, diese ist eher als ein gesundes Phänomen zu betrachten, da die Einzelnen aus Ihrer Passivität heraus treten und immerhin irgendtwas produzieren; sei es nun einen Text tippen, ein Bildchen von Lucies Wauwau aufnehmen und bei Flickr hochladen oder bei Mamas Geburtstag ein kleinen Bewegtbild Film drehen und diesen bei YouTube speichern. Dies sind alles Tätigkeiten, die allemal gesünder sind, als passiv, sozusagen tatenlos, vor einem Fernseher zu sitzen und ungesunde Nahrungsmittel zu sich nehmen. Aber eins möchte der unterrichtete Betrachter doch noch anmerken: Dass von dieser Gemeinde jetzt der user-generated-content zu einem eigenen Genre erhoben wird und diese Inhalte auch noch als ebenbürtig, wenn nicht gar als höherwertig, in Hinblick auf professionell erarbeitete Inhalte bezeichnet werden, ist wohl einer Vermessenheit und Unkenntnis zuzuschreiben, die dem Parvenü eben so anlastet. Jeder Verleger weiß auf Grund seiner Erfahrung dass es, user-generated-content hin oder her, nur einen Maßstab bei Inhalten gibt: gut oder schlecht.
Somit sei im Hinblick auf YouTube, Flickr und Co. einfach angemerkt, daß mit der Einführung der Diaprojektoren, landauf landab, die Abende mit gähnend langweiligen Diaabenden über Hochzeiten, Reisen und Ähnliches abgehalten wurden. Dies war aber nur ein kurzes Phänomen und löste sich in der Kurzweiligkeit anderer Tätigkeiten auf. Somit ist das Phänomen YouTube sicherlich als eine Begeisterung der Vielen kurzzeitig beachtenswert, in der Sicht auf die nächsten Jahrzehnte aber als Fixstern (fix wieder weg) zu verstehen.
Mit einem freundlichem Gruß über den Graben.
Christian E. Klinger
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