Vlog, Videoblog: André Müller: Die Kunst des Interviewens
5. November 2007

Interview mit André Müller (Quicktime-Video)
Die Kunst des Interviewens
In den 80er Jahren gab es, so wird behauptet, eine nicht unerhebliche Menge an Menschen, die die Wochenzeitung „Die Zeit“ nur aus einem Grund kauften: wegen der Interviews des Journalisten André Müller. Aber auch Der Spiegel, Stern oder Playboy veröffentlichten Interviews des gefragten Müller und einige dieser Interviews lösten Skandale aus (Interview mit Claus Peymann), wurden verboten oder gar als Theaterstück aufgeführt (Gespräch mit der Mutter). Jedoch in jedem seiner Interviews gibt es mindestens eine Stelle, wo dem Leser der Mund offen stehen bleibt vor Überraschung oder Erschütterung.
Wenn man ein Müller-Interview liest, zieht es einen hinein und lässt einen nicht mehr los. Und ganz gleichgültig, wer interviewt wird, es ist immer außergewöhnlich und man fängt an, sich für die Aussagen von Leuten zu interessieren, die einem vorher vollkommen gleichgültig waren. Das wiederum sagt nichts über die tatsächliche Bedeutung dieser Personen aus, wohl aber etwas über die Fähigkeit des Interviewers. Und man fragt sich, wie er das schafft, was ihn unterscheidet von all den anderen berufsmäßigen Befragern.
Vielleicht ist es Müllers vollkommen nihilistische Weltanschauung, die sich auch darin manifestiert, dass er Nichts und Niemanden zu ernst nimmt, inklusive sich selbst. Das erlaubt ihm eine gesunde Portion an Respektlosigkeit und an Mut zu unerhörten Fragen, die er – das muß erwähnt werden – immer auch bereit ist, selbst entgegenzunehmen und zu beantworten. Es geht nicht darum, den anderen, indem man ihn „nackt“ macht, zu demütigen, sondern, indem Müller sich selbst entblößt, gibt er dem Gegenüber die Möglichkeit, es auch zu tun, ohne die Würde zu verlieren. Und im besten Fall gelingt dies auf humorvolle Art und Weise.
Hin und wieder kommt es allerdings vor, dass einer der Interviewten im Nachhinein erschrickt über die eigenen Aussagen, vielleicht über Dummheit und Banalität, vielleicht über eine Offenheit, zu der man sich hat hinreißen lassen, die aber verletzbar macht, was voraussetzt, sich selbst sehr ernst zu nehmen und schlussendlich entscheidet die Person, das Interview zurückzunehmen. Dies geschah schon mehrmals aber dank der Website Müllers sind auch diese Interviews nachzulesen. (Interviews mit Alice Schwarzer und Gerhard Richter zum Beispiel).
André Müller schont weder sich noch andere. Seine persönliche Vorliebe sind Gespräche mit anderen Nihilisten bzw. Menschen, die das Dasein als etwas ziemlich Unerträgliches empfinden und sich dennoch nicht umbringen. So gehören die Interviews mit Thomas Bernhard oder Elfriede Jelinek zu den besten überhaupt. Hier scheint er sich aufgehoben zu fühlen und seine Gesprächspartner sich verstanden und erkannt. Da werden die Dialoge fast schmerzhaft ehrlich und zum Teil absurd komisch, besonders wenn es um den Tod geht.
Wie er selbst sagt, interessieren ihn die Leute nicht wirklich. Im Grunde spiele er eine Rolle und gäbe vor, interessiert zu sein. Wer nun ehrlich zu sich selbst ist, wird feststellen, dass auch das eigene vermeintliche Interesse an den Geschichten und Aussagen anderer Menschen, letztlich nicht viel mehr ist, als der Drang den Anderen in Bezug zu sich selbst zu setzen. Am Ende geht es also nur um das eigene Ego: totale Ernüchterung für den Idealisten, nicht für den Nihilisten. Und doch: Er führt immer noch Interviews. Somit sind wir gespannt auf mehr.
Wir trafen André Müller in seiner Wohnstadt München und erfuhren von ihm dieselbe Offenheit und Ehrlichkeit, die man aus den Interviews kennt. Der, wie er sich selbst bezeichnet, “Muttersohn ohne eigene Meinung”, ist froh, wenn er keine Interviews machen muß und hat am liebsten seine Ruhe.
Zu unserem Interview ist er glücklicherweise trotzdem erschienen und somit wünschen wir wieder einmal viel Freude und…
Daniela Krien
André Müller führte Interviews mit:
Alice Schwarzer, Gerhard Richter, Claus Peymann, Peter Handke, Salman Rushdie, Karl Lagerfeld, Arno Breker, Rudolf Augstein, Harald Schmidt, Placido Domingo, Isabelle Huppert, Ingmar Bergman, Wolfgang Koeppen, Joschka Fischer, Liselotte Eder, Friedrich Gulda, Henry Maske, Christo und Jeanne-Claude, Jeanne Moreau, Udo Lindenberg, Wim Wenders, Sam T. Cohen, Loriot, Joseph Beuys, Sophia Loren, Ariane Mnouchkine, Patrice Cherau, Nina Hagen, Hans Magnus Enzensberger, Dolly Buster, Reinhold Messner, Paula Wessely, George Tabori, Egon Bahr, Manfred Rommel, Nana Mouskouri, Alberto Moravia, Margarethe von Trotta, Erika Pluhar, Hanne Hiob, Elisabeth Bergner, Maria Becker, Bernhard Minetti, Rainer Werner Fassbinder, Ingrid Caven, Werner Schroeter, Elfriede Jelinek, Rosa von Praunheim, Ortrud Beginnen, Johannes Mario Simmel, Friedrich Dürrenmatt, Arthur Janov, Hans-Jürgen Syberberg, Harald Juhnke, Wolfgang Petersen, Lothar-Günther Buchheim, Andrè Heller, Heinz G. Konsalik, Otto von Habsburg, Michael Ende, Dieter Hildebrandt, Hans-Joachim Kulenkampff, Franz Vranitzky, Ernst Jünger, Karl-Heinz Rummenigge, Franz Schönhuber, Jacques Tati, Marcel-Reich Ranicki, Geraldine Chaplin, Hanna Schygulla, Sunnyi Melles, Elisabeth Flickenschildt, Will Quadflieg, Heiner, Müller, H. C. Artmann, Elias Canetti, Franz Xaver Kroetz, Wolf Wondratschek.
Die Interviews sind auf der Website von André Müller im Volltext zu lesen!
LINE OF BEAUTY AND GRACE
A documentary about Jock Sturges
About the film
Watch the trailer
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6 Kommentare zu “Vlog, Videoblog: André Müller: Die Kunst des Interviewens”
01
[...] André Müller – Die Kunst des Interviewens (amadelio.de, Video, 17:30 Minuten) In den 80er Jahren gab es, so wird behauptet, eine nicht unerhebliche Menge an Menschen, die die Wochenzeitung „Die Zeit“ nur aus einem Grund kauften: wegen der Interviews des Journalisten André Müller. Aber auch Der Spiegel, Stern oder Playboy veröffentlichten Interviews des gefragten Müller und einige dieser Interviews lösten Skandale aus (Interview mit Claus Peymann), wurden verboten oder gar als Theaterstück aufgeführt (Gespräch mit der Mutter). Jedoch in jedem seiner Interviews gibt es mindestens eine Stelle, wo dem Leser der Mund offen stehen bleibt vor Überraschung oder Erschütterung. [...]
02
[...] einer mittelschweren Krise in Österreich geführt. Außerdem hat amadelio.de vor einigen Tagen ein großes Videointerview mit ihm geführt – ebenfalls sehr [...]
03
[...] Großmeister des Interviews, André Müller, hat einmal als selbst Interviewter bekannt, dass er sich in Gespräche zwischen Irren besser hineinfinden [...]
04
[...] wenige gibt es immerhin doch (Claudia von Arx für NZZ Folio 1997 und, besonders toll, das Videointerview mit amadelio von 2007). Und Volker Weidermann hat ihn zum Gespräch getroffen und dieses dann im Januar 2011 für die FAS [...]
05
[...] Peter Münder André Müller: „Sie sind ja wirklich eine verdammte Krähe!“ Letzte Gespräche und Begegnungen. Mit einem Vorwort von Elfriede Jelinek. München: Verlag Langen Müller 2011. 368 Seiten. 19,99 Euro. Texte, Videos und Interviews VON Müller finden Sie hier, ein Video-Interview MIT André Müller hier. [...]
06
[...] ich habe dieses Videointerview mit André Müller über die Kunst des Interviewens [...]
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