Vlog, Videoblog: Graeve-Ingelmann: Frauen in der Kunst

19. November 2007

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Interview mit Dr. Inka Graeve Ingelmann (Quicktime-Video)

Frauen in der Kunst

In den letzten Wochen häuften sich in den Feuilletons die Artikel über Frauen in der Kunst. Rund um den 100. Todestag der berühmten Malerin Paula Modersohn-Becker wurde darüber debattiert, warum Frauen im Kunstmarkt nur selten den Stellenwert ihrer männlichen Kollegen erreichen, ob es miteinander zu vereinbaren ist, Künstlerin und Mutter zu sein und so weiter und so fort.
In Deutschland ist dies noch einmal mehr Thema, da sich das hiesige Bild einer guten Frau und Mutter deutlich vom Bild der Künstlerin unterscheidet. In Rechtfertigungszwang gerät eine Künstlerin hier in jedem Fall.
In den Niederlanden dagegen lässt sich künstlerische Arbeit scheinbar leichter mit dem Ehe- und Mutterleben vereinbaren. Künstlerinnen wie Carla van de Puttelar (Mann und drei Kinder) und Hellen van Meene (ebenfalls Mann und drei Kinder) leben es vor. Auch der Videokünstlerin und Fotografin Fiona Tan gelingt es, Familie und Kunst unter einen Hut zu bringen.

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Fiona Tan. Vox Populi. Tokyo.

Fiona Tans derzeitige Ausstellung in der Münchner Pinakothek der Moderne wird ebenfalls von einer Frau kuratiert. Dr. Inka Graeve-Ingelmann leitet seit 2002 die Sammlung für Fotografie und Neue Medien an der Pinakothek. Schon seit 20 Jahren ist sie als Kuratorin mit Schwerpunkt Fotografiegeschichte tätig. Sie ist Autorin und Herausgeberin von Texten zur zeitgenössischen Fotografie und Fotografiegeschichte.

Wir besuchten sie in München, um über Kunst und besonders über Fiona Tans Arbeit „vox populi“ zu sprechen, kamen aber unweigerlich auf das Thema: Frauen in der Kunst.
Inka Graeve Ingelmann hat sich durch ihre jahrelange Zusammenarbeit mit Künstlern und Künstlerinnen eine ganz eigene Meinung zu diesem Thema gebildet. Ihrer Beobachtung nach fehlt es Frauen keineswegs an Talent, wohl aber an Netzwerken und an der Eigenschaft, die Einsamkeit und Härte eines Künstlerlebens auszuhalten.

Betrachtet man die Geschichte der Kunst und damit auch der Künstler, wird man feststellen, daß die wenigsten großen Künstler ebenso große Familienmenschen waren. Es gehört schon eine beträchtliche Portion Rücksichtslosigkeit (auch gegenüber sich selbst) dazu, das Leben in den Dienst der Kunst zu stellen und nennenswerte Werke zu schaffen. Zur Charakterisierung von Künstlern fallen den meisten Menschen – ohne dies negativ zu bewerten – Adjektive wie selbstbezogen, exzentrisch und exaltiert ein – nicht gerade Eigenschaften, die einer Mutter zugeschrieben werden. Diese stark gegensetzlichen Lebensbereiche Familie+Kinder vs. Kunst erfordern eben auch extrem verschiedene Fähigkeiten. Das mag klischeehaft klingen, bleibt im Alltag jedoch nach wie vor eine schwierige Gratwanderung.

Daß nun trotz der hohen Frauenanteile an den Kunsthochschulen weniger Frauen als Männer schließlich den großen Durchbruch schaffen, liegt wohl auch daran, daß sich Frauen an einem bestimmten Punkt im Leben schlichtweg entscheiden: für ein ruhigeres Leben mit Familie, Kindern und einem “normalen” Job oder für das Leben als Künstlerin, das zweifelsohne mehr und vor allem ganzheitlicheren Einsatz fordert als eine Lohnarbeit, bei der am späten Nachmittag Feierabend ist und Zeit für die Familie bleibt. Sicherlich gibt es die Frauen, die genügend Kraft haben, beides zu bewältigen oder Männer an ihrer Seite haben, die sie ausreichend unterstützen. Und es gibt jene, die das Opfer bringen, allein zu leben. Mit Familie haben es Künstlerinnen sehr wahrscheinlich schwerer als ihre männlichen Kollegen, denn schließlich sind es die Frauen, die die Kinder bekommen und eine gewisse Ausfallzeit in Kauf nehmen müssen. Damit kann man hadern, – auch Paula Modersohn-Becker war schon während der Schwangerschaft unglücklich darüber, nicht mehr soviel arbeiten zu können – , aber es ist und bleibt so. Für die Zukunft bleibt zu hoffen, daß Frauen mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie Männer es taten und immer noch tun, frei wählen können – auch in der Kunst. Staat und Gesellschaft müssen die Rahmenbedingungen bieten; die Entscheidung für ein Kind muß belohnt und nicht bestraft werden. Der Egoismus, der jedem Künstler mehr oder weniger innewohnt, sollte angemessen bewertet werden. Ohne ihn entsteht keine Kunst. Und ohne die Erfahrung des Kinderkriegens fehlt ein wesentlicher Bestandteil des Verständnisses für den Menschen an sich, welches wiederum tragend für die Kunst ist. Das Ideal der guten Mutter stellt sich in diesem Bereich, mehr noch als in anderen, als untauglich heraus.

Film ab!

Daniela Krien

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