Vlog, Videoblog: Clemens Meyer: Poesie des Alltags

25. April 2008

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Interview mit Clemens Meyer (Quicktime-Video)

Zwischen den Stühlen

Wer als Besucher nach Leipzig kommt, bewegt sich in der Regel vor allem im innersten Kreis der Stadt. Zwischen Nikolai- und Thomaskirche, Museen und Cafés zeigt sich Leipzig von der Schokoladenseite.
In die Stadtteile Reudnitz oder Anger-Crottendorf verschlägt es den Touristen wenn überhaupt, dann nur versehentlich. Sehenswürdigkeiten gibt es dort keine und die Kneipen taugen eher zum Absturz als zum Genuß. Selbst Berufsoptimisten verschlägt es dort die gute Stimmung. Das Straßenbild wird von Menschen geprägt, deren Lebenslage tatsächlich prekär ist. Dort lebt auch – nicht aus Not, sondern ganz bewusst -, Clemens Meyer, Schriftsteller und Preisträger des diesjährigen Literaturpreises der Leipziger Buchmesse. Meyer hat auch prekäre Zeiten hinter sich. Das kann man lesen in seinem ersten Roman „Als wir träumten“, einer Geschichte über ein paar Jugendliche im Leipziger Osten der Nachwendejahre. Dieses kraftvolle und wirklich erschütternde Buch hat viele Leser und Kritiker tief beeindruckt und sicher keinen unberührt gelassen.

Sein zweites Buch „Die Nacht, die Lichter“ ist eine Sammlung von Erzählungen. Stil und Sprache dieses Buchs sprechen für die literarische aber auch persönliche Weiterentwicklung Meyers. Die Menschen aber, über die Meyer schreibt, sind die gleichen geblieben, nur dass sie jetzt erwachsen geworden sind, wie er selbst.

Clemens Meyer schreibt viel über Leute, mit denen sich in der Regel nur das Arbeitsamt näher beschäftigt. Er hat ein sicheres Gespür für Träume und Nöte seiner Protagonisten, er kennt das Milieu von innen, seine Geschichten werden dadurch absolut authentisch. Niemals wird er zum Zyniker; er bleibt stets mitfühlend, und das ist eine große Qualität seiner Literatur.

Das Prekäre an Meyers aktueller Situation ist nun, daß er trotz seiner persönlichen und intellektuellen Entwicklung das Milieu nicht verläßt – einerseits sicher aus Gründen der Inspiration, andererseits wohl auch der alten Freundschaften wegen. Man müsse kennen, worüber man schreibt, sagt er und hat Recht damit. Seine eigene innere Weiter- und somit Wegentwicklung allerdings, (und nicht nur die innere, sondern auch die materielle), verweist dennoch auf Milieuveränderung. Sein Erfolg bringt Geld mit sich, Geld, das ihn in die Lage versetzt, den Ort und die Menschen dort zu verlassen, Dinge zu tun und zu kaufen, die den anderen im Viertel verwehrt bleiben werden. Spätestens dann wird er nicht mehr wirklich dazugehören. Und das ist gut so, denn dann wird sich zeigen, ob er auch andere Bereiche der Gesellschaft kennen und beobachten lernen wird und sich sein Schreiben dementsprechend erweitert. Noch muß er sich beweisen und Kritikeraussprüche wie „Unterschicht-Kasperltheater“ (Iris Radisch) hinnehmen, aber er hat die Chance und hoffentlich auch die Kraft, weiter zu wachsen.

Als nächstes plant Meyer einen Roman, der im Rotlichtmilieu spielt. Und da trifft sich, wie man hört, tatsächlich die ganze Gesellschaft.

Daniela Krien

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