Edgar Morin: Lob der Metamorphose
7. April 2010

Photographie von Germaine Krull.
Wollen wir die Auflösung des “Systems Erde” verhindern, müssen wir unsere Denk- und Lebensweisen ändern.
Wenn ein System nicht in der Lage ist, seine lebensbedrohenden Probleme zu bewältigen, gibt es zwei Möglichkeiten: Es geht ein und löst sich auf, oder es gelingt ihm, ein Metasystem hervorzubringen, um seine Probleme zu lösen – es vollzieht eine Metamorphose. Das “System Erde” ist unfähig, sich zu organisieren, um seine lebensbedrohenden Probleme zu lösen: nukleare Gefahren, die sich mit zunehmender Proliferation verschärfen und vielleicht sogar in einer Privatisierung der Atomwaffe münden; die Verheerung der Biosphäre; eine Weltwirtschaft ohne echte Regulierung; wiederkehrende Hungersnöte; Konflikte, die ethnisch, politisch und religiös aufgeladen sind und dazu tendieren, sich zu Kriegen zwischen Kulturen zu entwickeln.
Die Ausweitung und Beschleunigung all dieser Prozesse kann man als ein gewaltiges negatives Feedback betrachten, einen Prozeß, durch den ein System sich unumkehrbar auflöst.
Die Auflösung ist das Wahrscheinliche. Daneben gibt es das Unwahrscheinliche, aber Mögliche: die Metamorphose. Was ist eine Metamorphose? Unzählige Beispiele dafür finden sich im Tierreich. Die Raupe, die sich in einen Kokon einspinnt, beginnt damit einen Prozeß, der Selbstzerstörung und Selbstwiederherstellung zugleich ist; sie organisiert sich in Form eines Schmetterlings, der zwar anders ist als die Raupe, dabei aber ein Selbes bleibt. Die Geburt des Lebens kann als Metamorphose einer physikalisch-chemischen Organisation betrachtet werden, die, als ein Sättigungspunkt erreicht war, die lebende Metaorganisation schuf, die zwar noch dieselben physikalisch-chemischen Bestandteile enthielt, aber neue Qualitäten hervorbrachte.
Die Herausbildung früher Gesellschaften im Nahen Osten, in Indien, China, Mexiko oder Peru war eine Metamorphose, die vom Aggregatzustand archaischer Jäger- und Sammlergesellschaften ausgegangen war und in der Folge die Städte, den Staat, die sozialen Klassen, die Arbeitsteilung, die großen Religionen, die Architektur, die Künste, die Literatur und die Philosophie hervorbrachte. Aber auch das Schlimmste: den Krieg, die Sklaverei. Mit Beginn des 21. Jahrhunderts stehen wir vor dem Problem der Metamorphose der frühen Gesellschaften in eine Weltgesellschaft neuen Typs, die die Nationalstaaten umfassen würde, ohne sie abzuschaffen. Denn die Fortsetzung der Geschichte, das heißt der Kriege, durch Staaten, die über Massenvernichtungswaffen verfügen, führt zur Quasivernichtung der Menschheit. Während Francis Fukuyama die schöpferischen Fähigkeiten …
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Dieser klarsichtige Text erschien in Lettre International 88. LETTRE
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