Ein gebildeter Mensch!

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Photographie von Nick Knight.

1. Gebildet ist, wen interessiert, wie die Welt aus anderen Augen aussieht, und wer gelernt hat, das eigene Blickfeld auf diese Weise zu erweitern.

2. Der Ungebildete nimmt sich selbst sehr ernst und sehr wichtig, aber sein Selbstwertgefühl, seine Selbstachtung ist gleichzeitig häufig gering.

3. Das Wissen des gebildeten Menschen ist strukturiert. Was er weiß, hängt miteinander zusammen. Und wo es nicht zusammenhängt, da versucht er einen Zusammenhang herzustellen.

4. Wessen Lebenswelt so sehr wissenschaftlich kolonialisiert ist, daß er sich nicht traut, einfache Sachverhalte einfach auszudrücken und zu sagen wie ihm zumute ist, der ist nicht gebildet.

5. Der gebildete Mensch zeichnet sich aus durch Genußfähigkeit und Konsumdistanz. Schon Epikur wußte, daß beides eng zusammenhängt.

6. Der gebildete Mensch kann sich mit etwas identifizieren, ohne naiv oder blind zu sein. Er kann sich identifizieren mit Freunden, ohne deren Fehler zu leugnen. Er kann sein Vaterland lieben, ohne die Vaterländer anderer Menschen zu verachten, vor allem diejenigen Vaterländer, die ebenfalls von ihren Bürgern geliebt werden.

7. Der gebildete Mensch kann bewundern, sich begeistern, ohne Angst, sich etwas zu vergeben. Insofern ist er das genaue Gegnteil des Ressentimenttyps, von dem Nietzsche spricht, des Typs, der alles klein machen muß, um sich selbst nicht zu klein vorzukommen.

8. Der gebildete Mensch scheut sich nicht zu werten, und er hält Werturteile für mehr als für den Ausdruck subjektiver Befindlichkeit. Er beansprucht für seine eigenen Werturteile objektive Geltung. Gerade deshalb ist er auch bereit, sie zu korrigieren. Denn was keine objektive Geltung beansprucht, braucht auch nicht korrigiert zu werden.

9. Der gebildete Mensch weiß, daß Bildung nicht das Wichtigste ist. Ein gebildeter Mensch kann sehr wohl zum Verräter werden.

10. Der gebildete Mensch liebt die Freundschaft, vor allem die Freundschaft mit anderen gebildeten Menschen. Gebildete Menschen haben aneinander Freude, wie Aristoteles sagt. Überhaupt haben sie mehr Freude als andere. Und das ist es, weshalb es sich - unabhängig von den Zufälligkeiten gesellschaftlicher Wertschätzung - lohnt, ein gebildeter Mensch zu sein.

von Robert Spaemann.

Gekürzt von Lazar

Ein gebildeter Mensch ist schlussendlich ein Reisender …


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