Susan Sontag: Über die Fotografie

Susan Sontag.
Susan hat sich bemüht, die Gräben nicht tiefer werden zu lassen. Ich traf sie zufällig auf der Frankfurter Buchmesse, kurz vor ihrem Tod. Ich bedankte mich für ihr großes Werk.
Platons Höhlengleichnis ist und bleibt eines der wichtigsten Schlüssel für unsere Bilderwelt….
Sie war mit Annie Leibovitz liiert und starb kürzlich an Krebs.
Hier ein wichtiger Auszug aus dem Buch “Über Fotografie”:
In Platos Höhle
Noch nicht zu höherer Erkenntnis gelangt, hält die Menschheit sich noch immer in Platos Höhle auf und ergötzt sich - nach uralten Gewohnheiten - an bloßen Abbildern der Wahrheit. Erziehung durch Fotografie aber ist nicht das gleiche wie Erziehung durch ältere, stärker von handwerklicher Technik geprägte Bilder. Ein Grund dafür ist die Vielzahl der Abbilder, die heute überall unsere Aufmerksamkeit erregen. Die Bestandsaufnahme begann 1839 und konzentrierte sich auf Porträtaufnahmen, aber seither ist so ungefähr alles fotografiert worden- jedenfalls scheint es so. Und diese schiere Unersättlichkeit des fotografischen Auges verändert die Bedingungen, unter denen wir in der Höhle, unserer Welt, eingeschlossen sind. Indem sie uns einen neuen visuellen Code lehren, verändern und erweitern Fotografien unsere Vorstellung von dem, was anschauenswert ist und was zu beobachten wir ein Recht haben. Es gibt eine Grammatik und, wichtiger noch, eine Ethik des Sehens. Und schließlich besteht das erstaunlichste Resultat fotografischen Unternehmungsgeistes darin, daß uns das Gefühl vermittelt wird, wir könnten die ganze Welt in unserem Kopf speichern - als eine Anthologie von Bildern.
Fotografien sammeln heißt die Welt sammeln. Filme und Fernsehprogramme flimmern vor uns auf und verlöschen wieder; durch das Standfoto aber ist das Bild auch zum Objekt geworden, leichtgewichtig, billig zu produzieren, mühelos herumzutragen, zu sammeln, in großen Mengen zu stapeln. In Godards Les Carabiniers (1963) werden zwei arme Bauerntölpel in die königliche Armee gelockt, indem man ihnen verspricht, sie könnten plündern, schänden, töten, dem Feind alles antun, was sie wollten, und dabei reich werden. Aber der Koffer voller Kriegsbeute, den Michelangelo und Odysseus Jahre später triumphierend zu ihren Frauen heimbringen, enthält, wie sich herausstellt, nichts anderes als Hunderte von Ansichtskarten, die Denkmäler, Warenhäuser, Säugetiere, Naturwunder, Transportmittel, Kunstwerke und andere Sehenswürdigkeiten aus aller Herren Länder zeigen. Godards Gag parodiert sehr drastisch die fragwürdige Magie des fotografischen Bildes. Fotografien sind die vielleicht geheimnisvollsten all der Objekte, welche die Umwelt, die wir als »modern« begreifen, ausmachen und gestalten. Fotografien sind tatsächlich eingefangene Erfahrung, und die Kamera ist das ideale Hilfsmittel, wenn unser Bewußtsein sich etwas aneignen will.
Über diesen Artikel
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- Publiziert am:
- 03.20.07 / 4pm
- Kategorie:
- Fotografie
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